Honi soit qui mal y pense

Honi soit qui mal y pense


Gesellschaftskritik | Mir wird mit jedem Tag mehr und mehr bewusst, wie wenig ich die Menschen um mich herum mit ihren Motiven und Handlungen noch verstehen kann.


Die Tagesschau zappe ich jetzt regelmäßig weg. Ich werde einfach viel zu sauer, wenn ich dort sehe und höre, was ein immer grösser werdender Teil meiner Mitbürger so für legitime politische Meinungen hält und was sie bereit sind zu machen, um diese auch durchzusetzen. Noch bis vor kurzem hätte ich mir niemals vorstellen können, dass fünfundzwanzig Prozent der Wähler bei einer Landtagswahl einer rechtspopulistischen Partei ihre Stimme geben würden; oder dass Rostock-Lichtenhagen plötzlich überall ist; dass Politiker auf Gossenniveau angegangen werden und auch mal symbolisch am Galgen baumeln… Das alles und noch viel mehr passiert mittlerweile ständig und lässt mich einigermaßen fassungslos zurück. Zu bekannt, so dachte ich, seien die Gefahren, die von Rattenfängern für die Demokratie und das friedliche Zusammenleben ausgehen. Ich hielt es für das herausragende deutsche Paradigma, dass rechtes Gedankengut im öffentlichen Diskurs für alle Zeit gebrandmarkt ist und außerhalb der Stammtische und einer kleinen Gruppe Ewiggestriger einfach nicht stattfindet. Nein: nicht stattfinden kann. Weil man sich gesellschaftlich komplett selbst versenkt hätte, wenn man das, was inzwischen auf Facebook, in Kommentaren oder auch Leserbriefen Normalität ist, früher in diesem Ausmaß und in dieser Qualität öffentlich vertreten hätte.

Ich habe mich getäuscht. Viele Menschen finden trotz aller Warnungen und Erfahrungen genug Ausreden, um die zu wählen, die nicht können und nicht wollen. Welcher Hass und welcher Neid muss diese Menschen nur antreiben, dass sie die Politik ihres Landes in verantwortungslosester Weise in solche Hände zu geben bereit sind und somit alle anderen in demokratisch formal legitimierte Geiselhaft zwingen? Wo sind Aufklärung und Vernunft geblieben, wenn man das Geschenk der Partizipation an Maulaffen vergeudet? Und wo die Moral, wenn man anderen nicht mal mehr ein Dach über dem Kopf und eine warme Dusche gönnen möchte?

Diese Wut und diese Gier kotzen mich einfach nur noch an. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich verabscheue diese Menschen wirklich. Sie stehen für mich für all das, was ich in dieser Gesellschaft nicht will. Ja, ich bin auch wütend. Meine Toleranz geht eben nicht so weit, dass ich mich mit ihnen abgeben möchte oder auch nur neben ihnen in der U-Bahn sitzen will. Sie geben durch ihre Stimme denjenigen Macht, die sie nicht verdienen und bedrohen damit den Fortschritt unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, auf die man ohne sie eigentlich stolz sein könnte. Wir leben in düsteren Zeiten. Nicht, weil es uns so schlecht geht, sondern weil es uns so gut geht.