WE ARE THE VÖLK

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PEGIDA | Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt. Gedanken zu Mentalitäten in ostdeutschen Innenstädten. Und anderswo.


Wo der Bauernschlaue keine Anschlusspunkte setzen kann, sind Binsenweisheiten und Milchmädchenrechnungen wieder gefragt. So vollziehen sich in ostdeutschen Großstädten derzeit jeden Montag Rituale, die einen entweder erschaudern lassen oder auch mit Stolz erfüllen können. Und je nach Standpunkt des Beobachtenden erinnert man sich an die Leipziger Montagsdemonstrationen oder auch den Fackelzug durchs Brandenburger Tor. Transpi oder Stahlhelm. Deutsche Geschichte im Geschwurbel ostdeutscher Mentalitäten. Es geht natürlich um PEGIDA, die „Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes“. Warum eigentlich nicht PEGDIDA? Die Suche nach Antworten ist schweißtreibend und mühsam. Und offensichtlich voller leerer, überstrapazierter und vor allem sinnloser Worthülsen. Mut zur Lücke? Angst für Stotterer gehalten zu werden? Angst Angst Angst. Immer wieder Angst. Die Angst treibt einen… achwasweißich… Egal. Wenn PEGIDA von RTL gecastet worden wäre, wäre „Lügenpresse“ vielleicht der erste Hit. An Figuren in „Berlin Tag und Nacht“-Symbolik mangelt es nun auch nicht. Augenbraue hin oder her (hihi), Arschgeweih – wen interessiert sowas? Schließlich geht es hier um Politik verdammtnochmal. Reiß Dich mal zusammen.

In der Parole „Wir sind das Volk“ manifestiert sich all das, manches davon nicht und noch vieles mehr (vielleicht). Vor allem aber eines (wahrscheinlich): das Bedürfnis nach einem „Wir“, das unsere Ansicht teilt. Nein. Nicht nach einem „Wir“. Nach dem „Wir“. Bestimmter Artikel, nicht unbestimmter. Das ist wichtig. Mit der Bestätigung meines Gegenübers wird meine Behauptung richtig, wahrhaftig, heilig. Je mehr Kehlen, desto legitimer die Meinung, die gebrüllt wird. Die Negation von kritischer Auseinandersetzung mit eigenen Positionen beim wohligen Betrachten des Gesichts meines Nebenmannes wird der Ersatz für die leisen, nur geflüsterten Gedanken voller Scham am Stammtisch. Ist das schon Adorno oder kann das weg? Kann weg. Ach so. Ersatzdroge Montagsdemo (die auch mal sonntags sein darf). Dabei kann man schließlich auch saufen. Endlich die Befreiung, die Entkettung vom Stammtisch. Raus aus dem Mief, rein in die Innenstädte. Emanzipation. Tresen for everybody. Endlich endlich endlich. Und sieht er nicht aus wie ich? Er ist mir fremd, doch hier sind wir eins. Wir sind das Volk. Prost.

Neben dem „Wir“ ist „das Volk“ ja zentrales Identifikationsobjekt der Bewegung– und nicht „ein Volk“ – das könnte ja jedes x-beliebige sein, nein, das wollen wir nicht – bäh bäh bäh. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Es muss „das Volk“ heißen, was natürlich unseres ist. Egal wie das klingt (PUR). Pur – genau. Das pure Volk ist gemeint. Unser. Volk. Dabei werden die Funkelperlenaugen gleich nochmal so feucht. Dieser Begriff ist es auch, der die Parole „Wir sind das Volk“ so attraktiv, so zentral, so sympathisch macht. „Volk“. Was für ein unmögliches Wort eigentlich. Ein Label für Beschränkte, so denkt man. Automatismen. Niemand ist davor sicher. Sicher? Sicher: man kann es auch im Bekenntnis zu allgemein gültiger Demokratie und der Abwesenheit von Willkür in den eigenen nationalen Grenzen verstehen. Kann jetzt auch weg. In Dresden (jajaja, auch woanders. Dresden ist toll. Neustadtfest. Super. Echt jetzt…) wird dieser Begriff jedoch sehr wohl nationalistisch verstanden. Als gebe es eine homogene Bevölkerung, die sich – ja durch was eigentlich – definieren könnte. Durch Blut vielleicht? Lächerlich. Gemeinsame Werte? Diese müssten dann wohl demokratisch, freiheitlich und von Toleranz geprägt sein. Solchen Werten steht aber die Dresdner Fremdenfeindlichkeit entgegen. Hmm. Die Leipziger auch. Aber Idealtypen sind toll. Also schießen wir uns – Verzeihung – weiter auf Dresden ein. Wohl wissend, dass es kleinbürgerliche Feierabendnazis in jeder Stadt und in jedem Dorf gibt. Und noch einmal sicher: dort wo bisher noch nicht „Wir sind das Volk“ in den kalten Innenstädten gebrüllt wird, die Fäuste dabei voller Wut und Nationalstolz in den Abendhimmel gereckt, ja dort gibt es trotzdem genug Menschen, die sich genau das wünschen und genau das denken: „Wir sind das Volk“. Nur hat der dortige Stammtisch eben noch nicht die kritische Masse überschritten. Man hat auch dort – wieder einmal – Angst. Wenn es nicht so gefährlich wäre, könnte man denken: Was für Memmen. Schulhofchecker sehen anders aus (note to self: zur Gegendemo gehen). Aber nicht abschweifen: Erst wenn die Kneipe voll ist, geht man auch hinaus. In Zeiten, in denen selbst das Lumpenproletariat Smartphones bedienen kann, wäre das dann wohl die Facebook-Gruppe. Dabei muss man seinen Astralkörper noch nicht einmal vom Sofa bewegen. Chips fressen und Politik machen: Was für ein Traum (note to self: sachlich bleiben). Und dann beginnt es: Juhuu! Die Wutbürger sind los. Mantramäßige Wiederholung was Mister Miyagi auf der Empore vorgibt: Lügenpresse, Lügenpresse. Polieren und Wischen bitte. Er ist auch das Volk. Einer von unten. Einer von ganz, ganz unten: Einer von uns.

Zudem wähnt man sich auf der richtigen Seite: „Wir sind das Volk“ ist nun allgemein bekannt als legitime und laute Äußerung einer um seine Freiheit und Rechte betrogenen Bevölkerung. Gähn. In dieser Tradition kann man sich (mit ein wenig kreativem Denken) bestätigt fühlen. Auch hier wird der Mut zur Lücke die Kernkompetenz: Übersehen wird, dass die Rechte, welche im Herbst 1989 von den Menschen in Leipzig eingefordert worden sind, universale Rechte waren (Doppel-sic). Also Grundrechte, die jedem Menschen zugestanden werden müssen. Grundrechte und Freiheit lassen sich dabei nicht voneinander trennen – sie sind auch dem hier immer wieder zitierten Satz immanent. Insofern irren die Menschen, wenn sie heute in Dresden, Leipzig und anderswo das „Wir“ und das „Volk“ in den Vordergrund stellen. Es ist eine eindimensionale Betrachtung dieses Satzes, die vollkommen außer Acht lässt, worum es damals eigentlich gegangen ist: den Widerstand gegen ein autoritäres System, welches nicht nur seine Bürger einsperren musste, sondern deren Freiheit wie seine Städte gleichermaßen verrotten ließ. „Volk“ war eben nicht die Abgrenzung zu oder von anderen Menschen, sondern vielmehr universaler Ausdruck für alle Menschen. „Volk“ korrespondierte dabei mit dem „Wir“: Wir alle wollen uns nicht mehr unterdrücken lassen. Wir alle wollen unsere Freiheit zurück. Und wer das nicht möchte, wer nicht versteht, warum man nicht ausgrenzt – ja der soll doch bitte weiter in der Kneipe bleiben. Da stört er nicht weiter. In der modernen Zivilgesellschaft ist nämlich kein Platz für ihn.  Und was antwortete Max auf Sams Frage, wo dieser die Bombe hintitschen solle? „Wirf‘ sie nach draußen. Da draußen sind nur Fremde.“ Und er macht es.