Die Medien, die wir verdienen

Die Medien, die wir verdienen


Medienkritik | Wir sind fein raus. Wir können nichts dafür,wenn wir schlecht informiert sind. Nein. Die Medien sind schuld daran. Alle. Gleichgeschaltet, profitgierig und faul sind sie.


Es ist einfach, dem Nachrichtengeschäft mangelnde Qualität vorzuwerfen. Wir sind unschuldig. Schließlich sind wir auf den seriösen Nachrichtenbetrieb angewiesen. Wir, wir, wir, wir, wir… Ist es vielleicht zu einfach? Machen wir es uns zu einfach?

Der technische Fortschritt sorgt stetig dafür, dass sich der Nachrichtenbetrieb verändert.  Das hat zur Folge, dass der Journalismus insgesamt immer schneller geworden ist. Doch dies ist nicht nur Möglichkeit; es ist vielmehr auch Notwendigkeit geworden. Der Anstieg der verfügbaren Kanäle zur Nachrichtenübermittlung, die Geschwindigkeit mit der dies seit einigen Jahren nun möglich ist, die ständige Verfügbarkeit von Formaten für praktisch Jedermann und auch die pure Anzahl von Medien sorgen dafür, dass auch die Anzahl der Nachrichten explodiert ist.

Sicher, es passiert ständig etwas. Aber passiert ständig etwas? Dies klingt paradox. Ist es aber vielleicht gar nicht. Ein Beispiel: Sind reine Nachrichtensender zum Beispiel eine gute Sache? Sicher, auf den ersten Blick mögen sie auf eine konkrete Sache spezialisiert und somit professionalisiert sein – eben auf die Berichterstattung. Andererseits müssen sie natürlich auch permanent auf Sendung sein, ihr Produkt also – die Nachricht – unter die Leute bringen, um Quote zu machen. Ich wage zu behaupten, dass es niemals passieren wird, dass ein Sprecher seine Zettel auf den Tresen legt und sagt: ‚Sorry. Heute ist nichts Relevantes passiert. Deswegen kommt jetzt gleich das Wetter.‘ Das ist natürlich überspitzt dargestellt. Es zeigt aber auf, dass es strukturell notwendig ist, dass immer etwas passiert. Und wenn eben nichts passiert, passiert eben irgendetwas.

Es besteht dabei immer die Gefahr, dass zu wenig ausgesondert wird. Der Nachrichtenbetrieb besitzt aber auch eine Filterfunktion. Schließlich ist nicht alles auch unbedingt eine Nachricht wert. Nichtsdestotrotz  sind natürlich reine Nachrichtensender eine feine Sache, wenn wirklich einmal etwas passiert. Nur sollte man als Bürger immer im Hinterkopf behalten, dass die Nachrichten nicht nur eine gesellschaftliche Funktion besitzen, sondern dass der Nachrichtenbetrieb auch ein Geschäft wie jedes andere ist. Das muss nicht zum Problem werden – aber es kann. Und es wird ganz sicher zum Problem, wenn die Notwendigkeit Nachrichten zu produzieren, statt über sie zu berichten, in den Fokus der journalistischen Betätigung rückt. Neben der fehlenden Qualität besteht auch noch die Gefahr des Übernehmens. Beiträge die mit dem Strom schwimmen haben es allgemein leichter: Sie werden weniger diskutiert, weniger angegriffen. Darunter kann jedoch die notwendige Objektivität leiden.

Jeder Journalist hat die Aufgabe, ein Thema von mehreren Seiten zu durchleuchten, also Argumente und Gegenargumente zu sammeln, zu sortieren, darzustellen und zu interpretieren. Tut er das nicht, ist der Beitrag vielleicht schneller produziert – er muss sich dann aber dem Vorwurf mangelnder Seriosität aussetzen. Dies geschieht selten, da viele Beiträge in der schieren Masse des täglichen Informationswahnsinns untergehen. Fehlende Objektivität ist aber gefährlich, da der Bürger auf eine umfassende Berichterstattung angewiesen ist und viele sich darauf auch einfach verlassen. Die Entscheidungen zwischen Objektivität, Qualität und Lautstärke ist immer eine Gratwanderung, die alle heutigen Journalisten beachten müssen. Doch dürfen wir als Gesellschaft deswegen alleine dem Medienbetrieb den schwarzen Peter zuschieben, wenn qualitative Mängel in der Berichterstattung auffallen?

Es macht es sehr schwierig, dass die Politik verpflichtet ist, sich aus der Organisation und Struktur der Medien kategorisch herauszuhalten. Die Politik kann und darf dem Informationsbetrieb nicht vorschreiben, was und wie berichtet werden soll. Das ist gut so. Daraus kann man folgern, dass die Medien also allein selbst dafür verantwortlich sind, ihre Qualität zu verbessern. Doch stimmt das wirklich? Wir alle tragen schließlich ebenfalls unseren Teil zum derzeitigen Zustand bei. Als Konsument saugen wir die Sensation, das Außergewöhnliche und vielleicht auch die journalistische Bestätigung unserer persönlichen Meinung gerne auf: Wir lesen und reden gerne darüber. Als Bürger jedoch sind wir auf eine genaue Berichterstattung, der Erklärung auch komplexer Sachverhalte sowie einer möglichst objektiven und allumfassenden Darstellung angewiesen, um uns über wichtige Gegebenheiten eine fundierte Meinung bilden zu können. Denn erst das macht uns entscheidungsfähig; erst das macht uns zu mündigen Bürgern, welche eine freie Zivilgesellschaft bilden können. Der leichte Weg des kurzfristigen Amusements oder auch Konsums von Meldungen ist nicht grundsätzlich Zeitverschwendung – deswegen ist auch die Sensationsmeldung nicht per se zu verteufeln. Hoch relevante Themen müssen jedoch adäquat dargestellt werden – gegebenenfalls auch komplex und langwierig. Dieses Angebot muss einem die Berichterstattung geben können – das darf man als Bürger erwarten und auch fordern. Wir sind aber auch selbst gefordert und stehen dabei im Spannungsfeld zwischen Sensation und Diskussion – zwischen dem entspannenden Konsum und der mühsamen, aber notwendigen Informationsgewinnung.

Die Frage ist weniger ‚Wollen wir das? ‘ als vielmehr ‚Wie gehen wir damit um, dass es so ist? ‘. Früher hatte der Journalismus mehr Zeit. Zeit zu suchen, Zeit zu fragen, Zeit zu verifizieren und abzuwägen. Heute ist nichts älter als die Nachricht von gestern. Kalter Kaffee. Uninteressant. Die Verantwortung dafür hat auch die Gesellschaft: Wir müssen begreifen, dass unsere Entscheidungen auch die Medien beeinflussen – und nicht nur umgekehrt.