Warum man nicht auf die Montagsdemo geht

Warum man nicht auf die Montagsdemo geht


Gesellschaftskritik | Die Montagsdemonstration ist wieder einmal zurück. Ich habe mir gerade einmal die Webseite eines Initiatoren mit der Hoffnung auf ein „Wieso, weshalb, warum?“ angeguckt.


Auf der Webseite von Lars Maehrholz steht viel. Sehr viel. Auch die Themenauswahl ist vielfältig und komplex. Ich wollte mich nun heute einmal über die Montagsdemonstrationen informieren, die seit einigen Wochen wieder in vielen Städten regen zulauf zu bekommen scheinen. Doch so einfach ist das nicht. Vieles ist unscharf, inhaltlich nicht konkret genug. Ich versuchte es schließlich mit einer Rede, die Lars Maehrholz am 17.3.2014 am Brandenburger Tor gehalten haben soll. Vielleicht schafft sie es, mehr Licht ins Dunkel zu bringen.

Bereits in den ersten Sätzen lassen sich vage politische Forderungen entdecken: „Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“. Das sind zwar zunächst nur leere Worthülsen, aber am Anfang einer Rede ist es vollkommen legitim, Inhalte erst einmal zu benennen. Geben wir ihm also die Chance, diese großen politischen und philosophischen Konstrukte noch mit Leben zu füllen. Das Weiterlesen enttäuscht dann jedoch ein wenig: Einfach Frieden – mehr wird nicht angesprochen. Schön. Wer will das nicht? Ansonsten verwundert es, warum nach der langen Beschäftigung mit „politischen Weltgeschehen, Medien, Banken, Wirtschaft und Börsen“ die Forderung nach Straßenprotest im Vordergrund steht und nicht – wie es ja auch denkbar wäre – der Wille etwas an den von ihm erkannten Missständen durch die Beteiligung am politischen Entscheidungsprozess zu ändern. Die Welt ist immerhin komplex. Der Mensch und seine Interessen ebenfalls. Auch in späteren Absätzen gibt es kein Konzept, keine konkrete Forderung, sondern einfach nur „Frieden“ und die Annahme, dass viele Menschen durch gemeinsame Verwendung von „Energie“, „Kreativität“ und „Wissen“ die Welt verändern können. Ja, das ist klasse. Das ist sogar so klasse, dass es bereits jede Menge Menschen gibt, die genau das machen. Das nennt man nämlich pluralistische Demokratie und diese wird – wie verrückt… – jetzt schon durch Menschen gemacht, da man sich auch ohne Montagsdemonstration im Rahmen der Zivilgesellschaft und der Teilnahme am politischen Entscheidungsprozess in Parteien und NGO’s – oder auch klassisch durch die Teilnahme an Wahlen – an der politischen Veränderung beteiligen kann. Dass dabei vieles strukturell schief läuft und gesellschaftliche Kritik wichtiger ist als je zuvor steht auf einem anderen Blatt.

Neben dem fehlenden Inhalt verstören außerdem noch unglückliche Formulierungen: „Neue Zeit“? „Neue Bewegung“? Oh oh! Sind die nicht unter den Top 10 der Floskeln, die man in politischen Reden in Deutschland vermeiden sollte? Nun ja. Ist ihm vielleicht nicht aufgefallen. Oder ist das vielleicht doch Absicht? Da kann man nur vermuten. Dann sollen noch unsere Rechte eingefordert werden. Da frage ich doch einfach mal provokant: Welche Rechte jetzt genau? Alle? Viele? Einige? Was denn überhaupt? Wo sind die Mängel? Was stört jetzt genau? Ich habe jetzt mehr Fragen als vor dem Lesen und ich bin verwirrt. Aber es besteht Hoffnung. Zwei Themen sollen beispielhaft angesprochen werden und vielleicht sind dann ja meine Fragen beantwortet: „Medien“ und „Unsere Politiker“.

Aber auch hier werde ich enttäuscht. Mal abgesehen davon, dass man wohl kaum pauschale Urteile über „Alle Medien dieser Welt“treffen kann, ist im Absatz über die Medien schon einmal ein klarer Logikfehler. Wie können „Alle Medien dieser Welt […] nur ihre Wahrheit“ verbreiten, aber andererseits „nicht-unabhängig“ und „nicht-eigenständig“ sein? Beispiel: Ich habe also eine Meinung, genau genommen meine Meinung – also meine Wahrheit. Außerdem verfüge ich über ein Medium über das ich meine Wahrheit verbreiten kann. Mein Nachbar hat auch eine Meinung, also seine Wahrheit und verfügt ebenfalls über ein Medium über dass er seine Wahrheit verbreiten kann. Wenn wir beide das machen, handeln wir unabhängig und eigenständig. Da redet uns keiner rein und schwupps – hat man schon einmal zwei unabhängige Medien. So etwas passiert jeden Tag unzählige Male auf der Welt. Oder verstehe ich seine Argumentation etwa falsch? Will er darauf hinaus, dass alle Medien nur EINE Wahrheit verbreiten? Also sehr ähnliche Interessen haben oder im Dienste von konkreten Interessengruppen stehen? Nun, dazu ist zu sagen, dass es so viele Medien wie Meinungen gibt. Alleine in Deutschland gibt es Medien zu wirklich jeder politischen Richtung. Zu unterstellen, dass alle den gleichen Interessen dienen ist wirklich an den Haaren herbeigezogen und mich persönlich wundert es doch stark, dass es offensichtlich echt noch Menschen gibt, die das glauben und sogar öffentlich postulieren. Alleine die Anzahl der Medien macht es sehr unwahrscheinlich, dass hinter allen die gleichen Interessen stehen könnten. Außerdem gibt es eine große Menge selbst organisierender Medienformate. Jeder kann ein Medium starten und ist zunächst einmal durch die Meinungsfreiheit geschützt. Aber ich erkenne generell in diesem Absatz eine Tendenz zu Verschwörungstheorien. Das lässt sich an Formulierungen wie„Alle Medien“ oder auch „mit denen sie versuchen uns einzuwickeln“ sehr gut festmachen. Ich finde das alles doch sehr unscharf, populistisch und irgendwie auch substanzlos.

Im Absatz über die „Unsere Politiker“ werden dann einfach nur noch polemische Floskeln abgefeuert, die meiner Meinung nach schon in die Richtung von Diffamierung und Beleidigung gehen. Behauptungen alleine erklären und beweisen erst einmal gar nichts. Das sind einfach nur Unterstellungen ohne Inhalt. Wie erklärt sich der Autor zum Beispiel die Tatsache, dass Politiker durch ihre Parteien bestätigt werden müssen? Politische Parteien sind in Deutschland keine diktatorisch organisierten Gruppen, in denen ein Einzelner oder ein elitärer Zirkel machen kann was er will. Die Basis kann nicht alles entscheiden – aber übergangen werden kann sie auch nicht. Und die deutschen Wähler wurden laut meinen Informationen in der Bundesrepublik auch noch nicht vor der Wahlkabine mit der vorgehaltenen Pistole zum Ankreuzen bestimmter Parteien gezwungen. Also lässt sich da doch irgendwo ein demokratischer Willensbildungsprozess erkennen. Das es innerhalb dieses Entscheidungsprozesses vielleicht größere Probleme gibt, ist ein ganz anderes Thema. Kritik ist gut. Aber wenn ich kritisiere, sollte ich versuchen die Kritik auch an den richtigen Sachen zu üben und nicht bauernschlau universal lospoltern. Jetzt habe ich darüber mehr geschrieben als der Redner – das ist aber auch kein Wunder bei der Kritik polemischer Aussagen.

Noch einmal: Warum muss man immer „gemeinsam auf die Straße gehen“? Weil es einfacher ist? Weil man sich dann nicht erklären und/oder seine Argumente verteidigen muss? Weil man dann herrlich unkonkret sein kann? Was ist denn jetzt mit„Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“? Das will doch jeder? Wo ist denn die argumentative Kritik? Wo sind die konkreten Fehler im System? Es stimmt natürlich was er schreibt:

„Wir sind diese Demokraten und wenn wir glauben, dass wir alle 4 Jahre nur ein Kreuz machen und dann läuft das schon, sind wir naiv! Wissen wir es doch eigentlich viel besser!“

Aber dann zieht danach auch vernünftige Schlüsse. Politik besteht auch aus Arbeit. Informiere er sich halt. Es gibt so viele Medien, so viele Profis, die sich mit Systemkritik befassen. Ich bin als denkender kritischer Mensch beleidigt, wenn selbst ernannte Gallionsfiguren gesellschaftskritischer Bewegungen dermaßen dumm wichtige Begriffe wie „Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“ so instrumentalisieren. Damit schaden sie der seriösen Gesellschaftskritik und verhindern teilweise eine berechtigte Auseinandersetzung mit den Missständen in der Gesellschaft. Kritik kann nur argumentativ sein – niemals polemisch.

kritisierte Quelle:

http://dabrain.biz/die-rede-vom-17-3-2014-vor-dem-brandenburger-tor/